In mittelalterliche Gedankenwelt getaucht

- 28.03.2018 - 

Stiftskirche: Helgard Rehders erzielt mit ihrer Stimme tiefe Wirkung bei den Zuhörern

Quelle: Rainer Lange
In der Stiftskirche entführten (von links) Bezirkskantorin Katharina Wulzinger, Helgard Rehders und Simone Becker ihr Publikum in die mittelalterliche Zeit der Hildegard von Bingen.

WERTHEIM. Hildegard von Bingen –den Namen der heiligen Benediktinerin aus dem elften Jahrhundert kennt wohl jeder Mitteleuropäer. Welche intellektuelle Leistung, welche umfassende Bildung und welche bis heute gültigen Maßstäbe in Kunst und Lebensführung mit diesem Namen verbunden sind, konnten die Besucher des Konzerts am Sonntagnachmittag in der Stiftskirche erleben.

Helgard Rehders (Gesang), Simone Becker und Bezirkskantorin Katharina Wulzinger (Texte) entführten ihr Publikum in die Zeit vor 900 Jahren. 77 Lieder sind von der damals höchst anerkannten Nonne überliefert. Texte und Melodie sind sehr frei, weil es noch keine festen Regeln gab, ebensowenig Takte oder Rhythmen. Als Komponistin und Visionärin hatte sie also alle Möglichkeiten der damaligen Zeit, die sie auch grenzenlos einzusetzen wusste.

Ratgeberin des Papstes

Auf dem Zenit ihres langjährigen Wirkens – Hildegard wurde 81 Jahre alt – war sie Ratgeberin von Päpsten und Magistern, nachdem sie sich mit dem Ordensgründer Bernhard von Clairvaux über ihre Visionen und ihr Buch darüber abgestimmt hatte. „Sie steigt von Tugend zu Tugend auf“ lautete ein Bericht über ihre klösterliche „Karriere“. So konnte sie auch ungefragt und ungestraft ihre Meinung kundtun, wie zum Beispiel in einem Brief an Papst Anastasius IV, den sie wegen der trägen Amtsführung und Lebensweise für seinen „Schlafestaumel“ kritisierte.

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Komprimierter Ausdruck ihres idealen Weltbilds und ihrer fundamentalen Theologie kam in den acht ausgewählten Liedern besonders markant zur Geltung. Die meisten der kurzen Gesänge sang Helgard Rehders zweimal, jeweils vor und nach Erläuterungen und Hinweisen durch Katharina Wulzinger. So konnte man die drei „Flügel der Weisheit“ („virtus sapientia“) in der Höhe, der Tiefe und der dazwischen frei gestalteten Tonlage plastisch erleben.

Einen enormen Tonumfang, koloraturartig ausgeschmückt, erforderte das Lied über die „Grünkraft“ („viriditas“), die für Hildegard eine zentrale Rolle spielte. Beim Gebet an die Gottesmutter Maria war die „helle Stimme“ („clara voce“) in sehr hohen Tönen gesetzt, der „tiefe Fall“ („malitioso casu“) jedoch in jammervoller, tiefer Lage und langsamen Bewegungen.

Helgard Rehders faszinierte durch ihre ausdrucksvolle Stimme und ihre deutliche und klar verständliche Artikulation, die außer der schönen Akustik der Stiftskirche keine weiteren Mittel benötigte, um eine tiefe Wirkung bei den Zuhörern zu erzielen.

Warme Sprachmelodie

Die deutsche Übersetzung im Programmblatt und die nochmalige Rezitation der Texte in Simone Beckers warmer Sprachmelodie verstärkten die Eindrücke und ermöglichten ein tiefes Eindringen in die mittelalterliche Gedankenwelt. Katharina Wulzingers Erläuterungen bezogen sich meist auf rein „handwerkliches“ Wissen, das jedoch eine wichtige Voraussetzung für das Verstehen der tausend Jahre alten Musik darstellt.

Wenig Erklärungen, weil den Gottesdienstbesuchern doch ein wenig vertraut, brauchte man beim letzten Vortrag „Kyrie eleison“. Man hatte sich eine Stunde lang an die Töne, die Texte und die besondere Atmosphäre gewöhnt und eingewöhnt. Nur zögerlich wagten sich die Zuhörer wieder zurück in den Trubel des Ostermarkts vor der Kirchentür.

 
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Bezirkskantorin
Quelle: Dominik Schultheiss
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